22 September 2016

Für die gute Laune

Ich bin gerade so unfaßbar wütend. Wütend bin ich, weil ich für Termine wochenlang und ununterbrochen am Telefon hängen muß, um den Hauch einer Chance zu haben, jemanden zu erwischen. Wenn dann der Jemand durch seine Inkompetenz dazu führt, daß OP-Termine  an meinen Knien so hätten gelegt werden können, daß sie statt in die Herbstferien, zig Wochen später in die Schulzeit fallen... dann ... dann... könnte ich...

Und weil das alles nichts bringt, und das Gesundheitssystem hier so desolat organisiert ist, wie es eben organisiert ist, ... greife ich zu Pinsel und Farbe, um mich abzulenken.


 

 

 


"Tante Börbör" 
18x24
Öl auf Leinwandkarton

Menschen mit Humor sind toll! Sie erhellen einem das Herz und das Gemüt. 

18 September 2016

Zwischen Ethik und Moral

Unser Leben ist gerade sehr langsam geworden.  Es wird sehr viel gekuschelt, Fragen gestellt, nachgedacht. 

"Mama, was würdest du tun, wenn...?" 

Manchmal habe ich mich gefühlt wie auf dem heißen Stuhl, habe mich dennoch ehrlich bemüht, Rede und Antwort zu stehen. Nicht immer einfach ist das.


Seit geraumer Zeit hat der Sohn Ethik-Unterricht in der Schule und ist mit Begeisterung dabei. Ich freue mich sehr, daß er einen so tollen Lehrer hat, der die Kinder mit hochinteressanten Fragestellungen zum Nachdenken bewegt. Umso bedauerlicher ist es, daß viele  das Fach Religion von vornherein abwählen, welches später auf dem Ethik-Unterricht aufbauen wird.

Im Alltag werden die Begriffe Ethik und Moral fast gleichgesetzt benutzt. In der Philosophie und Wissenschaft wird unterschieden. 

Moral bezeichnet die konkreten Verhaltensregeln, die unter uns Menschen gelten: Sie umfassen Normen, Gesetze, Vorschriften, warum und wie wir etwas machen. Daraus leiten wir ab, was moralisch erlaubt, oder moralisch verboten ist. Ethik ist quasi das Nachdenken über die Moral, die Begründung der Moral, das Analysieren und Philospohieren darüber. 

Im Ethik-Unterricht geht es darum zu verstehen, warum eine bestimmte Moral vernünftig, richtig und angebracht ist, warum wir uns so oder so verhalten sollen.  Hier denkt man über Moral nach, man bewertet und reflektiert es. Durch den Blick von Außen auf eine Sache will man heraus finden, welche Moral oder Verhaltensregeln die besten, und welche unsinnig sind. 

In unserer Familie ist ein Tier gestorben. Nicht irgendein Tier, sondern unser herzallerliebster Mautz, mit dem wir die letzten zweieinhalb Jahre unseres Lebens geteilt haben. Sein Tod hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie sehr er Mittelpunkt unseres Lebens war. Und nicht nur das: sein Tod hat sehr viele Fragen aufgeworfen, über die Kinder in diesem Alter für gewöhnlich nicht nachdenken würden. Der Schmerz hat uns sehr empfindsam und durchlässig werden lassen.


Was passiert genau, wenn ein Tier eingeschläfert wird? 

Woher weiß man, daß das Tier nicht doch einen furchtbaren Todeskampf auszustehen hat, wenn zuerst all die Muskeln erschlaffen und erst nach und nach die Organe versagen? So kann man doch gar nicht wissen, wie es ihm in dieser Zeit wirklich geht. Belügt man sich da nicht selber?

Warum sagt man einschläfern, wenn das Tier getötet wird? Das ist doch viel zu nett für das, was da passiert.

Kann uns das auch passieren, daß irgendwer meint, uns einschläfern zu müssen?

Würdest du wollen, daß du eingeschläfert wirst, wenn du so unheilbar krank wärest? Wer entscheidet darüber?

Warum ist das Beenden von Menschenleben in einigen Ländern erlaubt und in anderen verboten? Warum gibt es so unterschiedliche Regeln?

Mautz haben wir geliebt. Was ist mit all den anderen Tieren? Zum Beispiel auch mit jenen, die man so selbstverständlich ißt? 

Nur ein kleiner Auszug ist das, was ich hier aufgeschrieben habe.  Es gab so viel mehr, aber das würde den Rahmen jetzt wirklich sprengen. Wir haben verhältnismäßig junge Kinder und man muß natürlich sehr behutsam auf all diese Fragen eingehen, um keine Ängste in ihnen herauf zu beschwören. Ich gebe zu, daß ich nicht auf alles eine umfassende Antwort habe. Hier und da kann ich nur für mich ganz persönlich sprechen. 

Wie sind eure Gedanken dazu? 

14 September 2016

Die Sehnsucht bleibt

Abschiede gehören zu unser aller Leben dazu. Die Trauer ist der stärkste Stress, den ein Mensch überhaupt erfahren kann. Umso mehr verwundert es, daß Trauernden meist nur eine kurze Zeit von der Gesellschaft zugestanden wird, und die Erwartung recht bald im Raum steht, daß man schon nach kurzer Zeit wieder einwandfrei zu funktionieren hat. Trauer sollte man den nötigen Raum geben, denn er hat eine große Bedeutung für die psychische Gesundheit.

Wir haben unser so inniglich geliebtes Raubtier verloren, und jeder von uns trauert auf seine ureigenste Weise. Unsere Kinder sind in einem Alter, wo sie wissen, daß jedes Leben endlich ist, und der Tod irgendwann alle Lebewesen ereilen wird. Es gibt ein liebevoll gestaltetes Grab, wo wir Mautzens Körper wissen. Die Jungs zünden am Abend Kerzen darauf an, arrangieren das Grab immer wieder neu. Zwischen all der Blumen bewachen eine selbst gestaltete Katzenfigur aus dem Vorjahr und ein Löwe aus Ton das Grab. 

Im Zusammenhang mit den Laborwerten und den klinischen Symptomen ist die Tierärztin zu der Schlußfolgerung gelangt, daß Mautz tatsächlich an FIP erkrankt war. Wenn es keine Hoffnung mehr auf Besserung oder Heilung gibt, kann der Tod durchaus eine Option sein. Auch wir mußten uns im Vorfeld damit auseinander setzen, ihn im Falle eines Falles zu "erlösen". Hierzu wäre die Ärztin zu uns nach Hause gekommen. Dazu ist es jedoch nicht mehr gekommen. Letztlich ist Mautz zu schwach gewesen, um noch weiter leben zu können. Er ist uns zuvor gekommen und ist gestorben. Auch wenn wir sehr traurig darüber sind, ihn auf der Auffahrt des Nachbargrundstücks bereits verstorben gefunden zu haben, so sind wir auch erleichtert, nicht diejenigen gewesen zu sein, die aktiv sein Ende einläuten mußten. Wer möchte schon gerne Richter über Leben oder Tod sein?!

Auffallend war sein immer wiederkehrender, massiver Wurmbefall. Vielleicht hat er nie einen umfassenden Immunschutz aufbauen können, weil er zu früh von der Mutter getrennt wurde, er nicht ausreichend Muttermilch abbekam. Es ist müßig darüber nachzudenken...

Wir fühlen uns erschöpft. Ruhe und Entspannung sind gerade sehr wichtig. Es ist, als sei die Luft aus einem prall gefüllten Ballon entwichen und hätte eine schlaffe Hülle hinterlassen. Was hilft sind Gespräche. Unsere Kinder wollten ganz genau wissen, was das für ein Virus in Mautzens Körper war, woher er ihn hatte, und was es mit ihm gemacht hat. Mir hilft es sehr, mich mit meinem Mann und anderen Menschen auszutauschen, die ebenfalls schon ein Tier betrauert haben.

Oft schauen wir uns seine Fotos und kleine Filmsequenzen an, nehmen das kleine Fellknäuel in die Hände und denken, was er doch nur für ein tolles Wesen hatte  und wie außergewöhnlich er war. Wir sind traurig, aber nicht verzweifelt. Die Dankbarkeit, daß er Teil unseres Lebens war und uns so in Freude und Liebe gehüllt hat, überwiegt. Die Sehnsucht nach ihm wird für immer bleiben.


Wir nehmen unseren Kummer ernst. Auch wenn es "nur" ein Vierbeiner war, der da gestorben ist, unsere Beziehungsqualität hatte nichts mit seiner Größe oder Art zu tun. Bevor ich Mautz begraben habe, haben wir seinen toten Körper in unseren Armen gehalten, ihn gestreichelt und auch ein allerletztes Mal gebürstet. Dieses kleine Fellknäuel bewahren wir ebenso wie all die "Weißt du noch...-Geschichten?" auf.


Wir hatten so viel Glück, daß er zu uns kam. Es war ein Segen, daß der Freudenspender uns hat seine Liebe und Zuneigung spüren lassen. So viele schöne Erlebnisse haben wir mit ihm sammeln dürfen. Er hat insbesondere die Jungs und mich die tiefe Liebe zu einem Tier gelehrt.  Ganz sicher wird hier irgendwann noch einmal ein Tier einziehen, wenn die Zeit dafür reif sein wird. Wir haben beschlossen, daß es hier weiterhin ab und an ein Foto von Mautz geben wird - manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Text.

Auch, wenn es für den ein oder anderen befremdlich wirken mag, gibt es ein Gedicht, an das ich seit seinem Tod unablässig denken muß. Das möchte ich hier mit allen teilen, die zur Zeit vielleicht auch ein wehes Herz haben.

Diese Leere

Wie leer ist es
da
wo etwas war
Wo was war?
Etwas
was nicht mehr da ist
Und ist es nicht mehr da?
Warum nicht?
und wirklich nicht?
Kann es nicht wieder da sein?
Darf es nicht wieder da sein?
Ist deshalb alles so leer?

Wie groß
muß gewesen sein
was da war
daß alles jetzt
wenn es vielleicht nicht da ist
oder vielleicht
nicht mehr da sein wird
so leer ist daß Leere in Leere
übergeht
oder untergeht
oder ruht?

Müßte Ruhe
nicht eigentlich anders sein
als das
was leer ist
und doch
kalt ist
obwohl das Leere
nicht kalt sein kann

als das
was leer ist
und doch
noch brennt
obwohl das Leere
nicht brennen kann

als das
was leer ist
und doch
den Hals zuschnürt
obwohl das Leere
den Hals nicht zuschnüren kann

Was ist es also?
Erich Fried


"Danke!", sagen wir allen, die ihre Anteilnahme hier und in mannigfaltiger Weise ausgedrückt und an unserer Trauer teilgenommen haben.